Am 22. Februar startet das Brechtfestival unter dem Motto »Für Städebewohner*innen«. Ein Einblick in das bis 3. März laufende Programm aus Theater, Performance und Livemusik.

Ausgehend von Brechts Gedichtzyklus »Aus dem Lesebuch für Städtebewohner« (1926/27) präsentiert das Brechtfestival 2019 – das letzte unter der Leitung von Patrick Wengenroth – ein genreübergreifendes Angebot aus Theater, Performance, Literatur, Musik, Vorträgen und Workshops.

Konzert, Rausch und Selbstvernichtung
Die Regisseurin Mareike Mikat unterzieht Brechts Drama »Baal« einem musikalischen Stresstest aus dem Blickwinkel unserer Gegenwart und liefert damit eine eine theatrale »Tour de Force« zwischen Konzert, Rausch und Selbstvernichtung: Es ist ein Stück über einen maßlos saufenden, exzessiven, sexuell tabulosen, asozialen Poeten, der allen als ein Genie gilt, es aber nicht sein will. Wer ihm begegnet, ob Mann oder Frau, ist ihm augenblicklich verhängnisvoll verfallen. Aber Baal ist nicht nur der vitale, kreatürliche und skrupellose Anarchist, der buchstäblich über Leichen geht. Es schlagen zwei Seelen in seiner Brust, wenn er tiefsinnig zweifelnd in seinen wenigen nüchternen Momenten mit seiner eigenen Amoralität ringend konstatiert: »Ich sollte ein neues Leben anfangen: still, friedlich, beschaulich. Warum nicht? Ich habe schon ganz anderes fertig gebracht.« Premiere: 23. Februar, 19:30 Uhr, Brechtbühne im Gaswerk

Liebe in Zeiten der Digitalisierung
»Electronic City« von Falk Richter zeichnet das Porträt einer digital vernetzten Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Sensemble-Chef Sebastian Seidel wird das Stück für das Brechtfestival neu inszenieren: Tom und Joy sind belastbare, flexible Angestellte, die weltweit im Einsatz sind und nicht mehr wissen, ob sie sich gerade in Berlin, London, New York oder Hongkong befinden. Nun sehnen sie sich aus der Ferne nacheinander. Vielleicht könnten sie ihre Arbeitszeiten und Flüge so legen, dass sie sich an irgendeinem Flughafen wenigstens für fünf Minuten sehen? Premiere: 22. Februar, 20:30 Uhr, Sensemble Theater

Gedankenexperimente
In »Böse Häuser« veranstaltet das Ensemble Turbo Pascal aus Stuttgart Gedankenexperimente mit sich selbst und seinem Publikum: Es sind Experimente im Um- und Andersdenken, im Überprüfen und Einstürzen eigener Gedankengebäude, im Verstärken oder Umdrehen von Glaubenssätzen, im Betreten und Verlassen anderer Vorstellungswelten. In einer Zeit, in der sich Denkräume im Netz und in der Nachbarschaft scheinbar stärker voneinander abgrenzen und verfestigen, betreibt »Turbo Pascal« ideologische Denkübungen und Gedankengymnastik. Termine: 24. Februar, 18 Uhr und 25. Februar, 20 Uhr, tim

Fremdheit und Nähe, Heimat und Heimweh
Das neue Bürgerbühnenstück des Jungen Theaters Augsburg in Kooperation mit Mehr!Musik und dem Kulturhaus abraxas unter der Leitung von Susanne Reng greift die deutsch-amerikanische Stadtgeschichte auf. Bürgerinnen erzählen als Expertinnen des Alltags darin von Fremdheit und Nähe, von Heimat und Heimweh und davon, wie Menschlichkeit alte Feindbilder überwand. 20 Jahre nach der Schließung der letzten US-Kaserne in Augsburg macht sich »Home is where the heart is« auf die Suche nach Spuren aus mehr als 50 Jahren deutsch-amerikanischem Zusammenleben. Lebens- und Liebesgeschichten, musikalische Erinnerungen, Fotos und Filme verdichten sich zu einem Theaterstück. Als Zeitzeuge spielt dabei auch der Aufführungsort eine Rolle: Das Gebäude des Kulturhauses abraxas diente früher den Amerikanern als Offiziersklub und später als Family Recreation Center. Premiere: 22. Februar, 18 Uhr, Kulturhaus abraxas

Betrachtungen einer Großstadt
Das multimediale Ensemble Bluespots Productions lässt sich von Brechts »Aus dem Lesebuch für Städtebewohner« mit zehn Gedichten inspirieren. Das Kollektiv führt die Festivalbesucher* innen bei »Shitty City« täglich zu sichtbaren und verborgenen Nischen der Stadt. Mit den Gedichten als Material wird ein poetisches Netz durch die Stadt gespannt. Zehn Teams inszenieren an zehn Tagen jeweils ein Werk. Brechts Betrachtungen der Großstadt, ihre Bewohner*innen und Abgründe werden zum Ausgangspunkt für ganz persönliche Interpretationen. Termine: 22. Februar bis 2. März, täglich um 18 Uhr, 3. März um 15 Uhr.

Kaleidoskop relevanter Musik
Das muskalische Highlight des Brechtfestivals ist die Lange Brechtnacht. Mit einer Vielzahl an Acts möchte sie am 1. März das Lebensgefühl der Städtebewohnerinnen aufgreifen und präsentiert ein Kaleidoskop an progressiver Musik. Die Künstlerinnen bespielen an diesem Abend das tim, den martini-Park und den Provino Club.

Ein erster Höhepunkt gleich zu Beginn: Um 19:45 Uhr kommt Gisbert zu Knyphausen – einer der herausragenden deutschsprachigen Songwriter der Gegenwart – in den martini-Park. Zeitgleich bringt die Berlinerin Dota feine Poesie ins Textilmuseum. Im Provino Club gibt es um 21:30 Uhr Garagenrock von den Hamburgern Swutscher. Wer um diese Zeit lieber sanftere Töne bevorzugt, kann die federleichte futuristische Popmusik von Let’s Eat Grandma aus England im tim genießen. Eine urbane Mischung aus Rap und Jazz präsentiert die eigens für Lange Brechtnacht ins Leben gerufene Formation »Die Städtebewohner« um 21:45 und 23 Uhr im Provino Club. Dort findet auch die Aftershowparty ab Mitternacht statt, aufgelegt wird Ghetto-Funk, Hip-Hop, Bassmusik und Breaks von DJ Forrest Funk und DJ Roughmix. Eine weitere Aftershow steigt beim »Barlife« ab 0:15 Uhr im tim – mit House, Acid Jazz, World und Exotica, präsentiert vom Kuriosum DJ Team.

Das komplette Programm des Brechtfestivals im Überblick finden Sie unter: www.brechtfestival.de

Foto: andcompany&Co. mit ihrer Performance Colonia Digital, © Dorothea Tuch